Der Abschied von Peter Braunwalder am vergangenen Freitag markiert nicht nur das Ende einer persönlichen Karriere, sondern bildet auch einen symbolischen Schlusspunkt unter eine Ära des öffentlichen Nahverkehrs in St. Gallen. Wenn Braunwalder das Wort „Gschirr“ verwendet, um seinen Bus zu bezeichnen, schwingt darin eine Verbundenheit mit, die für Chauffeur-Generationen des letzten Jahrhunderts charakteristisch war. In 38 Dienstjahren legte der 64-Jährige schätzungsweise 2,5 Millionen Kilometer zurück – eine Distanz, die metaphorisch für die Beständigkeit steht, mit der er die St. Galler Bevölkerung durch ihren Alltag chauffierte.
Eine Karriere in Bewegung: Von alten Trolley-Bussen zur modernen Flotte
Wenn man Peter Braunwalder fragt, wie sich der Beruf des Buschauffeurs in den letzten 38 Jahren gewandelt hat, fällt sein Blick zunächst auf die technische Entwicklung der Fahrzeuge. In seinen Anfangsjahren in den späten 1980er-Jahren war das Arbeiten im öffentlichen Verkehr physisch fordernd. Die alten, grünen Trolley-Busse, die damals das Stadtbild prägten, verfügten über keine modernen Klimatisierungssysteme. „In diesen alten Büchsen herrschten im Sommer teilweise Temperaturen von 50 Grad“, erinnert sich Braunwalder. Für das Personal bedeutete dies eine enorme Belastung bei gleichzeitig hoher Konzentration im städtischen Verkehrsgewirr.
Über die Jahrzehnte hinweg erlebte Braunwalder die Modernisierung der Flotte hautnah. Von der schrittweisen Ausmusterung der alten Trolley-Busse bis hin zur Einführung heutiger, hochmoderner Fahrzeuge begleitete er den Wandel der Verkehrsbetriebe St. Gallen. Die Arbeitsbedingungen haben sich durch diese technologischen Fortschritte zwar verbessert, doch die Anforderungen an die Aufmerksamkeit des Fahrpersonals sind im Zuge des steigenden Verkehrsaufkommens in der Stadt keineswegs gesunken. Dass er während seiner gesamten Laufbahn ohne schwerwiegende selbstverschuldete Unfälle blieb, führt er auf eine Mischung aus Routine, Respekt vor dem tonnenschweren Fahrzeug und einer kontinuierlichen Wachsamkeit zurück.
Der Wandel der Gesellschaft im Spiegel des Fahrgastraums
Ein Buschauffeur beobachtet die Gesellschaft aus einer Position, die ihm einen einzigartigen Blick auf das städtische Leben ermöglicht. Braunwalder beschreibt den Alltag im Bus als „deutlich ruhiger“ im Vergleich zu den frühen Jahren seiner Tätigkeit. Dies liegt nach seiner Beobachtung vor allem an der veränderten Mediennutzung der Fahrgäste. Heute steigen Passagiere oft mit „Stöpseln im Ohr“ ein, sind mit ihren mobilen Endgeräten beschäftigt und kommunizieren kaum noch mit ihrer Umgebung oder dem Fahrpersonal.
Dieser Rückzug in die digitale Welt hat den Charakter der Kommunikation im öffentlichen Raum verändert. Während es früher zu mehr Interaktionen kam – nicht immer friedlicher Natur, wie Braunwalder einräumt –, ist die Atmosphäre heute distanzierter. Trotz dieser Distanzierung bleibt die Rolle des Chauffeurs als „Kapitän“ seines Gefährts essenziell. Konfliktsituationen, etwa wenn Passagiere Routen oder Fahrpläne missverstehen, gehören zum Berufsalltag. Braunwalder, der für seine ruhige Art bekannt ist, hat über Jahre hinweg gelernt, dass Provokationen, die oft auf der allgemeinen Gereiztheit im morgendlichen Berufsverkehr basieren, nicht persönlich genommen werden sollten. Seine Strategie, in solchen Momenten stoische Ruhe zu bewahren, zeichnete ihn als Profi aus, der die Kontrolle behält, anstatt sich auf emotionale Auseinandersetzungen einzulassen.
Die prägenden Jahre: St. Gallen im Zeichen der Drogenszene
Ein Kapitel seiner Laufbahn, an das sich Braunwalder aufgrund seiner beruflichen Verwurzelung in der Stadt besonders intensiv erinnert, ist die Wende vom Ende der 1980er- bis Anfang der 1990er-Jahre. In dieser Zeit war St. Gallen, wie auch andere Schweizer Städte, Schauplatz einer ausgeprägten offenen Drogenszene. Das Waaghaus am Marktplatz, das für die VBSG ein zentrales Nadelöhr darstellt, war damals ein Brennpunkt des sozialen Elends.
Für Braunwalder waren diese Jahre prägend. Er beschreibt die täglichen Eindrücke als „keinen schönen Anblick“. Die Konfrontation mit Menschen, die aufgrund ihrer Suchterkrankung in prekären Zuständen lebten, forderte das Fahrpersonal täglich heraus. Die Beobachtung dieser sozialen Realität – oft in unmittelbarer Nähe zum Arbeitsplatz – hat Braunwalders Blick auf die Stadt St. Gallen und ihre Entwicklung stark beeinflusst. Es ist ein Kontrast zu heute, den er immer wieder hervorhebt, wenn er über den Wandel des Stadtbildes spricht. Dass er diese Zeit als Fahrer unbeschadet und professionell meisterte, unterstreicht die psychologische Stabilität, die dieser Beruf erfordert.
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Ein emotionaler Abschied im Familienkreis
Die letzte Schicht eines so langen Berufslebens ist mehr als nur das Ende einer Routine; sie ist eine Zäsur. Für Peter Braunwalder wurde diese letzte Runde durch die Stadt zu einem emotionalen Ereignis, das er nicht alleine beging. Die Anwesenheit seiner sieben Enkelkinder, die ihn auf seiner letzten Fahrt begleiteten, verlieh diesem Abschied eine persönliche Note, die weit über das professionelle Umfeld hinausging.
Als er am Bahnhof St. Gallen seinen letzten Funkspruch absetzte, war die Stimmung im Bus spürbar gedrückt, aber auch von Respekt und Zuneigung geprägt. Die Botschaft an seine Kollegen – „Diese Stimme wird hier bald verstummen. Ich habe meine letzte Fahrt. Danke für die vielen schönen Jahre mit euch. Schluss.“ – war kurz und direkt, so wie man Peter Braunwalder im Kollegenkreis kennt. Der humorvolle Schlagabtausch, als ein Kollege dennoch antwortete, sorgte für ein letztes Lachen im Bus und unterstrich den Zusammenhalt, der unter den Fahrern des öffentlichen Verkehrs trotz aller Anonymität im Stadtbetrieb herrscht.
Die Bilanz: Mehr als nur Kilometer
Mit 2,5 Millionen gefahrenen Kilometern hinterlässt Braunwalder eine Bilanz, die beeindruckt. Würde man diese Strecke in eine Zeitreise umrechnen, hätte er die Erde dutzende Male umrundet. Doch für den 64-Jährigen waren es nie nur Zahlen oder ein „Absitzen“ von Dienststunden. „Ich bin für diesen Job geboren“, sagte er einmal über seine Tätigkeit. Diese Einstellung half ihm dabei, die Routine eines immer gleichen Streckenverlaufs über fast vier Jahrzehnte hinweg auszufüllen.
Was bleibt, ist die Erinnerung an tausende Begegnungen. Jede Fahrt war eine Momentaufnahme des städtischen Lebens: Pendler am frühen Morgen, Schüler auf dem Weg in den Unterricht, Menschen auf dem Heimweg nach einem langen Arbeitstag. Braunwalder war ein stiller Beobachter, der im Hintergrund die Fäden zog, damit das St. Galler Stadtleben im Takt des Fahrplans fließen konnte.
Ein verdienter Ruhestand
Der Übergang in den Ruhestand bedeutet für Peter Braunwalder nun eine Umstellung, die er selbst mit einem Schmunzeln kommentierte. Als er am Ende seiner letzten Fahrt feststellte, dass der Abschiedsgruß „Auf Wiedersehen“ bei seiner letzten Tour eigentlich keinen Sinn mehr ergibt, wurde die Endgültigkeit dieses Moments deutlich. Nach 38 Jahren ist die St. Galler Straße für ihn kein Arbeitsplatz mehr, sondern ein Ort, an dem er nun als Passagier oder Beobachter teilnehmen kann.
Die Stadt St. Gallen verliert mit Braunwalder einen Buschauffeur, der das Stadtbild über Generationen hinweg mitprägte. Seine Karriere steht exemplarisch für eine Generation von Dienstleistern im öffentlichen Raum, deren Arbeit oft als selbstverständlich wahrgenommen wird, die jedoch das Fundament einer funktionierenden urbanen Gemeinschaft bildet. Peter Braunwalder verlässt das Steuer, doch seine Spuren in den Erinnerungen der Kollegen und Fahrgäste bleiben. Für ihn beginnt nun ein neuer Abschnitt, in dem die Zeitplanung nicht mehr von Taktfahrplänen und Funkdurchsagen bestimmt wird, sondern von der Freiheit, die er sich nach fast vier Jahrzehnten harter Arbeit redlich verdient hat.
